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Hinweise zum Eichenprozessionsspinner

Bühlertann, den 28.06.2019

Vor Eichen sollst du weichen ?

Jetzt spinnen sie wieder - einige Eichen an Spiel- und Rastplätzen der Gemeinde sind auch dieses Jahr wieder vom Eichenprozessionsspinner befallen. Der Bauhof hat entsprechende Warnschilder aufgestellt.
Um das Risiko einer gesundheitlichen Beeinträchtigung abzuschätzen und das weitere Vorgehen abzustimmen, hat die Gemeinde Revierleiter Jörg Brucklacher um eine Stellungnahme gebeten.


Was führt zu den gefürchteten Problemen mit den Prozessionsspinnerraupen ?
Die Larven des Eichenprozessionsspinners tragen sogenannte Brennhaare, die leicht abbrechen und in der Haut stecken bleiben können. Dort führen sie zu Ausschlägen und teilweise heftigem Juckreiz, die z.B. mit Insektenstichcreme (Fenistil o.ä.) behandelt werden können. In den hohlen Haaren befinden sich außerdem giftige Ausscheidungsprodukte der Raupe, die sie dort sozusagen zwischenlagert. Durch dieses Thaumetopoein verstärken sich die Reizungen, gelegentlich kommen auch stärkere allergische Reaktionen vor, die einen Arztbesuch nötig machen, dafür braucht es aber schon massiven Kontakt oder aber eine besondere persönliche Empfänglichkeit.
Die Larven halten sich tagsüber in den bekannten Raupennestern, bis zu fußballgroßen Gespinsten am Stamm oder starken Ästen, auf und wandern jede Nacht in einer langen Prozession in die Eichenkrone um an den Blättern zu fressen. Morgens kehren sie zurück in den Schutz des Nestgebildes. In diesem Nest häuten sie sich im Laufe ihrer Entwicklung auch mehrfach und stoßen dabei jeweils eine leere Hülle ab, die die betreffenden Haare trägt.
Ende Juni sind die Raupen mit ihrer Entwicklung nahezu fertig und verpuppen sich bald, die Falter schlüpfen Ende Juli. Lebende Raupen werden dann nicht mehr anzutreffen sein, die Raupennester bleiben aber mit den enthaltenen Häutungsresten auch darüber hinaus "infektiös", bei trockener Lage teilweise sogar einige Jahre lang. Diese Gespinstballen sollten daher nicht berührt oder manipuliert werden, insbesondere wenn sie zu Boden gefallen sind.


Warum werden die Raupennester dann nicht entfernt und werden die Bäume durch den Fraß nicht geschädigt?
Anders als die am Stamm sind die Nester im oberen Kronenbereich nicht immer gut erkennbar, vor allem aber sind sie selbst mit Hebebühnen nicht alle sicher erreichbar. Der Aufwand ist aufgrund des sowieso zu erwartenden Neubefalls im nächsten Jahr unverhältnismäßig hoch und erfordert außerdem eine Spezialausrüstung. Die Bäume erholen sich mittels des sogenannten Johannistriebes im Juni auch von einem Kahlfraß recht schnell, da anders als beim gefürchteten Borkenkäfer nur eine Generation im Jahr gebildet wird.
Eine Meldepflicht oder eine Verpflichtung des Grundstücksbesitzers die Nester zu entfernen gibt es nicht. An besonders schwierigen Stellen, die nicht gemieden werden können, und wo gleichzeitig das Nest relativ gut erreichbar ist, kann eine fachgerechte Entfernung aber sinnvoll sein.

 

Warum ist der Eichenprozessionsspinner in den letzten Jahren so zum Problem geworden ?
Wahrscheinlich im Zuge der Klimaveränderung verschieben sich Vorkommensareale wärmeliebender Arten, so kommt es, dass der Eichenprozessionsspinner nun auch eigentlich kühlere Lagen relativ gut besiedeln kann.
"Wenn man so will - eine direkte Folge Ihrer Flugreise letztes Jahr", mahnt der Förster. "Das ist erst der Anfang der Klimafolgen, es begegnen uns insbesondere im Wald noch ganz andere Probleme; mancherorts beobachten wir aktuell vor allem bei der Tanne ein nahezu flächenhaftes Absterben durch Trockenschäden aus 2018. Klimaschutz ist also unter anderem auch Prozessionsspinnerbekämpfung aber auch in vielen anderen Bereichen dringend geboten."
Es gibt darüber hinaus wiederkehrende Jahre mit einer Massenvermehrung, denen Jahre mit geringerer Population folgen, in denen der Befall dann keinem auffällt. Verantwortlich für die Schwankungen sind Witterungsbedingungen und natürliche Feinde (Schlupfwespen …).
Außerdem ist der Eichenprozessionsspinner derzeit auch ein öffentliches Thema, nicht zuletzt wegen der notwendigen Informationstafeln, und wird daher verstärkt wahrgenommen. Die letzte starke Massenvermehrung war 2007, da war es übrigens viel schlimmer als dieses Jahr.

Wie groß ist das Risiko, und wäre es nicht besser, die Eichen alle zu fällen ?
"Wenn man keine Raupe in den Kragen bekommt und nicht an den Nestern rumspielt, sollte das Risiko kalkulierbar bleiben", meint Brucklacher.
Die nur 0,2 mm langen Brennhaare können zwar auch mit dem Wind verweht werden, aber in Jahren mit normalem Befall dürfte das kein merkliches Problem darstellen. Das größte Risiko besteht sicherlich für Waldarbeiter oder Brennholznutzer, wenn sie unwissentlich in ein Raupennest hineinsägen, das kann in der Tat üble Folgen haben. Sie sollten auch nicht auf eigene Faust Nester einfach abflammen, dabei werden die Haare meist ziemlich aufgewirbelt und verteilt, außerdem fallen Ihnen auf der Leiter die Nester dann gerne unkontrolliert herunter – ggf. direkt in die Arme. Schon mehrfach haben Leute dabei auch Wald- oder Flächenbrände ausgelöst oder im weniger schlimmen Fall die Rinde der Eiche so sehr erhitzt, dass Baumteile abgestorben sind.
Über am Boden liegende Nester mit dem Rasenmäher zu fahren kann ebenfalls verheerend sein. Wenn Sie aber Abstand zu den Nestern halten und dafür sorgen, dass Kinder und Hunde das auch beachten, ist das größte Risiko schon beseitigt.

Wie gehen Sie persönlich mit dieser Gefahr im Wald um ?
"Ich bin jetzt 20 Jahre im Außendienst tätig und hatte selbst noch nie ein Problem mit dem Phänomen. Obwohl ich schon zahlreiche befallene Bäume auch aus der Nähe begutachtet habe und viel im Wald unterwegs bin. Wir sollten bedenken, dass wir Menschen nicht unantastbar sind, sondern uns als Teil der Natur auch in gewissem Maße zumutbaren Einschränkungen unterordnen müssen. Wem die Gefahr zu groß erscheint, der muss halt Abstand halten. Eine Fällung aller Eichen im Siedlungsbereich, an allen Spielplätzen oder Ruhebänken käme für mich einerseits einer Respektlosigkeit diesen alten Bäumen gegenüber gleich, andererseits wäre es ein Armutszeugnis in ökologischer und landschaftlicher Sicht. Wer will schon seine Ruhebank mitten auf der kahlen Wiese aufstellen?"
Die mancherorts auffallenden komplett eingesponnenen Büsche am Straßenrand haben mit dem Eichenprozessionsspinner übrigens gar nichts zu tun. Hier war die Pfaffenhütchenge-spinstmotte am Werk. Diese Motte befällt nur das Pfaffenhütchen und hatte dieses Jahr eine relativ starke Population. Den vollständigen Kahlfraß haben die Bäume inzwischen durch besagten Johannistrieb wieder vollkommen ausgeglichen, die Bäume sind wieder grün. Die Raupe ist ein harmloser Nackedei und samt Gespinst völlig ungefährlich. "Da können Sie sich reinlegen", meint Brucklacher lakonisch.

 

 

Foto: Eichenprozessionsspinner

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